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Kolumne: "Coming Home"

Ein andrer Ort

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Ob ich angekommen bin, werde ich regelmäßig gefragt, seit ich vor fast zwei Monaten wieder nach Gundelfingen gezogen bin. So richtig weiß ich darauf noch keine Antwort. Angekommen sein, wie bemerkt man das? Bestimme ich das oder andere?

Ich erlebe, dass man mich noch (er)kennt. Bei einer sonntäglichen Radtour singt mir der ehemalige Hausmeister entgegen, der mich schon als Baby durch die Sporthalle schob, während meine Eltern Handball spielten: „Nach meiner Heimat zieht’s mich wieder“ – lacht verschmitzt, grüßt vertraut. Ich recherchiere den weiteren Text dieses Liedes: „Es ist die alte Heimat noch: Dieselbe Lust, dieselben frohen Lieder“ Haha, ja, das passt. Zum Schorre und zu meinem aktuellen Erleben. Vor allem aber stimmt der darauffolgende Satz: „Und alles ist ein andrer Ort.“

Ganz besonders merke ich das, wenn ich auf die weithin sichtbaren Türme des Atomkraftwerks Gundremmingen blicke, die bei solchen Radtouren nicht selten als Orientierungshilfe dienen. Natürlich ist das noch der gleiche Ort, der gleiche Anblick, aber ich habe mich früher nie gefragt, wie es wohl ohne die Türme wäre. Von dem damit verbundenen Risiko ganz zu schweigen. Im Gegenteil – im Schulunterricht klebten wir „Atomkraft, ja bitte!“-Aufkleber. Aus jugendlicher Provokation gegenüber der Lehrkraft, die ein Pellet-Pionier war, klar. Aber ich verstehe das heute auch als Symptom einer kollektiven Verdrängung. Diesseits der Donau hatte man es mit Gefahr, statt Gewerbesteuern zu tun und musste andere Wege finden, sich mit dem Betonkoloss zu arrangieren.

Natürlich weiß ich von der Atombegeisterung und Technikgläubigkeit der Nachkriegszeit. Jonas‘ „Prinzip Verantwortung“ und Becks „Risikogesellschaft“ waren noch lange nicht geschrieben. Und der Bau wurde bereits 1962 genehmigt, also vor dem Aufkeimen von so etwas wie Protestkultur in der Bundesrepublik.

Aber was dachte die Aislingerin, was hoffte der Lauinger und wovor graute den Gundelfingern damals? Oder passierte das einfach so? Und jetzt – holen wir uns das schon zurück, den Ort, den Anblick, den Profit – und stellen riesige Tulpen oben rein, oder?

Vielleicht ist es ganz normal, dass man nicht weiß, ob man schon angekommen ist, wenn im Alten noch so viele neue Fragen sind.

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Bamberger Firmengruppe

Drum prüfe, wer ‘nen Namen findet, mit wem er sich zu was verbündet

Wenn Mitarbeiter in neue Positionen kommen. Reflexion einer Pendelbewegung organisationalen Wandels.

Nachdem unser Unternehmen die Geburtswehen überwunden hatte, kam irgendwann der Zeitpunkt weitere und gut qualifizierte Mitarbeiter*innen einzustellen. Was schnell auffiel:

Mit jeder neuen Angestellten stieg auch die organisatorische Komplexität, weil im Fall des Geschäftsaufbaus fast mit jeder neuen Person auch eine neue Position geschaffen wird.

Zunächst lief alles von selbst, d.h. die Komplexität wurde durch das Handeln der Personen reduziert, indem kurzfristige oder individuelle Absprachen getroffen und unausgesprochene Hierarchie nicht zum Thema gemacht wurden. Das änderte sich, als ein Mitarbeiter nach einer Interimsbesetzung auf einer höheren Position wieder seinen früheren Tätigkeiten nachgehen sollte.

(Einschub: formal kann man fragen, ob es „höhere“ Positionen eigentlich gab; in jedem Fall gab es (unausgesprochene) Grenzen, was das Treffen von Entscheidungen anging)

Eine Elternzeit mit Folgen

David leitete vorübergehend den Bereich Marketing, betreute ein bisschen IT, unterstützte im Vertrieb, auf Messen und sogar im Versand. Was man eben alles so tut, in einem Kleinstunternehmen kurz nach der Gründung. Nach der Elternzeit agierte er bisweilen immer noch als Quasigeschäftsführer und sein Handeln wurde von manchen Mitarbeiter*innen deshalb öfter als übergriffig empfunden, manchmal auch belächelt – von den Konflikten mit meinem Bruder und mir, die sich daraus ergaben, ganz zu Schweigen. Auf einmal war Handlungsdruck da und wir versuchten es weniger mit Kommunikation, sondern mit Definitionen.

Zum ersten Mal also formulierten wir Positionsbeschreibungen, Aufgaben- und Verantwortungsbereiche sowie Ziele.

Letztere aber zumindest im Dialog mit den Angestellten in turnusmäßigen Mitarbeitergesprächen inkl. -bewertungen. Als Quereinsteiger in die Leitungsebene eines Wirtschaftsbetriebs flohen wir uns also in das, was man gemeinhin „eben so macht“, bzw. wie wir das gehört hatten. Diese Definitioneritis gereichte uns schnell zum Nachteil und wir mussten uns von diesem sehr engagierten Mitarbeiter trennen, weil er sich nicht in dieses Schema fügen ließ – und wir dieses Schema auch nicht glaubhaft durchsetzen konnten.

Also wieder einen halben Schritt zurück: wir glaubten immer noch, dass klar sein muss, wer sich um was kümmert, aber wir sahen die Definition der Rolle im Unternehmen nicht mehr nur in der Verantwortung der Führungskräfte, sondern auch in der Verantwortung der Mitarbeiter*innen. Nach diesem Schock, organisationslogisch übers Ziel hinaus geschossen zu sein, legten wir eine starke Laissez-faire-Haltung an den Tag, die zum nächsten Pendelausschlag führte, der im Folgenden beschrieben werden soll.

Eine Herausforderung, die unerkannt bleibt

Raphael studierte Produktdesign und arbeitete zwei Jahre als Freelancer für unser Unternehmen, unter anderem um Verpackungen und Werbemittel zu designen, bevor er in eine Festanstellung im Marketing überging. Ungefähr zur selben Zeit starteten wir mit oben erwähnten Positionsbeschreibungen. Ich fragte Raphael nach seinem Wunschtitel und nahm den Vorschlag „Creative Director (CD)“ dankbar an. Klang für mich weltläufig und werbewirksam.

Dass dahinter ein Konzept und eine Erwartungshaltung steckte, stand mir damals – und es kostet Mühe das einzugestehen – gar nicht vor Augen.

Ich dachte, Raphael mit dieser Positionsbezeichnung glücklich zu machen, zu fördern und freute mich freilich auch, dass er damit mehr Verantwortung für das allgemeine Erscheinungsbild über- und mir somit Arbeit abnahm. Wir redeten erstaunlich lange aneinander vorbei und erst als Raphael den Satz sagte:

„Bei euch sehe ich gar keine Perspektive für mich.“

wurde mir langsam klar, dass da etwas nicht stimmen konnte. Hatte ich ihm nicht alles geboten, was er wollte? Bin ich nicht auch seinen Wünschen gefolgt, ihn gelegentlich vom Team abzuschirmen, damit er kreativer arbeiten kann? Habe ich nicht regelmäßig nach seinen Plänen mit der Familie, mit seinen vielfältigen sonstigen Interessen, Projekten und Jobs gefragt?

Ja, gefragt und gesagt habe ich viel. Nur wiegen Antworten und Handeln viel schwerer in dieser – und vielleicht jeder – Beziehung. Facebookposts und Newsletter habe ich beispielsweise weiter selbst, d.h. ohne jegliche Absprache mit dem CD veröffentlicht. An die Reperatur eines ausgebrochenen Gewindes an der Messetheke, die eigens von Raphael designt und gebaut wurde, habe ich ihn monatelang erinnert (statt jemand anderen um diese einfache Reparatur zu bitten). Als er dann sagte:

„Ich bin immer noch am Ende der Nahrungskette und werde es auch bleiben.“

war mir schon klarer, worum es ging und worauf es jetzt ankommt.

New approach: Führen als Coach

Diese Losung strahlt uns heutzutage von nicht wenigen Buchdeckeln an und ich habe keins dieser Bücher gelesen. Möglicherweise sind gute darunter, aber ich bin doch kein verdammter Lehrer oder Trainer, kein Hütchenaufsteller und Trillerpfeifer, und schon gar kein Besserwisser, finde ich. Warum ich trotzdem beim Begriff Coach bleibe und nicht auf Begleiter ausweiche? Weil ich glaube, dass es a) eine grundsätzlich direktive Funktion geben muss, die aber sehr stark auf Kommunikation gebaut sein sollte.

Ich denke hier an einen Dirigenten, der sich einem Orchester gegenübersieht und doch diesem nicht entgegengesetzt, sondern mit ihm symbiotisch verbunden, ist. Nun hat man freilich im Wirtschaftsleben keine Partitur bzw. kein Werk, dem man irgendwie gerecht werden will bzw. muss, weshalb mir der Begriff des Dirigenten ungeeignet erscheint. Gerade weil das Umfeld der Ökonomie so dynamisch, ja komplex, ist, kommt zur direktiven eine b) evolvierende Funktion hinzu.

Damit meine ich, dass die Führungskraft für die Bedingung der Möglichkeit von Veränderung und Anpassung verantwortlich ist. Sie muss ermuntern, Stärken zu nutzen, vor geistiger Enge möglichst behüten, Konflikte antizipieren, ausgleichen und dergleichen mehr.

Der „Coach“, den ich im Sinn habe, hat keine Rezepte, aber er kann kochen.

Das heißt, er oder sie hat einen Sinn für die Qualität der Zutaten, die Logik der Speise, die Würze des Ergebnisses, – kurz: die Fähigkeit, Genuss zu empfinden. Habe ich gerade Coach oder Koch gesagt? Da wir uns in unserer Firma – und das dürfte in den allermeisten Unternehmen so sein – die Ziele selbst setzen, dürfte die Freude am Spiel ein elementarer Treiber von Erfolg sein. Viele Coaches, die zum Beispiel bei den beiden letzten Weltmeisterschaften im Halbfinale ausschieden, dürften gerade jene Leichtfüßigkeit vermissen, die ich zu kultivieren versuchen möchte.

(Im Text wurden die Namen der Personen geändert)

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Kolumne: "Coming Home"

Exil-Gundelfinger

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Mehr als meterhoch türmt sich der Schnee vergangenen Winter vor diesem Haus im Schwarzwald, in dem ich das Wochenende verbringen will. Es ist ein Besuch bei einem Freund aus Heimattagen, der seit kurzem im Kreis Breisgau-Hochschwarzwald lebt. Während wir im Keller zusammen musizieren, fällt mein Blick auf ein Plakat an der Wand: „25 Jahre Schnellefest“ – Juli 1996. Ich stutze. Ich staune. Da klimpern wir also im Jahre 2021 ein paar Herb Alpert Songs zwischen noch nicht ausgepackten Umzugskartons, inmitten eines Werkzeugwusts und neben einer Sauna in Einzelteilen und dieses 25 Jahre alte Plakat hängt bereits an der Wand. Ich frage mich: Was muss dieses Stück Papier für jemanden bedeuten, der zum Zeitpunkt der Veranstaltung gerade einmal elf Jahre alt war?

Mit dieser Verwunderung und Neugier gehe ich weiter durch seinen und meinen Haushalt und entdecke allerorten Spuren und Zeugnisse der Heimat: die Kaffeetasse der Lebenshilfe hier, das Bucher-Weizenglas dort, den Stoffbeutel vom Griener, T-Shirts der Sportvereine. Und auch die Autos tragen noch das bekannte dreistellige Kennzeichen. Ist das Nostalgie? Oder gar Heimatstolz?

Sicher darf man Spar- und Sorgsamkeit mit den Dingen unterstellen, die unseren Alltag begleiten – schwäbische Tugenden eben. Allerdings erklärt das nicht die Rolle dieses Schnellefest-Plakates, das mich so in seinen Bann gezogen hat. Diese Heimaterinnerungen müssen auch Anker in der Fremde sein, können im Rückblick Sicherheit und Stabilität vermitteln und mitunter auch emotionale Erinnerungen wachrufen.

In diesen Tagen hätten wir normalerweise das 50. Schnellefest feiern können. Da wären Gespräche mit den Musikerinnen und Musikern, von denen ja auch nicht wenige für das Engagement im Verein zurückpendeln, über ihre Verbindungen und Haltepunkte möglich gewesen. Leider war das pandemie-bedingt nicht möglich.

Also muss ich diese Gedanken vorerst mit meinem Freund im Schwarzwald teilen, mit dem ich mir in diesem Winter die dicken Jacken der Firma Gartner überstreifte, um uns einen Weg durch die weiße Pracht zum Kompost zu graben.

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Kolumne: "Coming Home"

Zwischen Weisinger und Überlinger See

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Seit gut drei Monaten fahre ich nun zweigleisig, halbiere meine Aufmerksamkeit, verdopple die Ausgaben für Lokalinformationen. Am Frühstückstisch pendle ich zwischen Weisinger und Überlinger See, überbrücke die Entfernung vom GVD-Areal in Dillingen zum Grenzbachareal in Konstanz. Ich verfolge Gesellschaft und Politik, Sport und Vermischtes, hier wie dort. Weil ich hier in Konstanz Vorsitzender eines Kulturvereins bin und wissen muss, worüber die Lokalzeitung SÜDKURIER berichtet. Und weil ich in der Donau-Zeitung erfahren will, was mich im Landkreis Dillingen erwartet, in den ich bald zurückziehen werde.

Gerade denke ich oft an die Zeit, als ich in Konstanz für meine Ideen von Projekt Agora, einem Zentrum für Soziokultur und Innovation, zu werben begann. Anfang 2016 will ich herausfinden, wer das Feld „Soziokultur“ bereits beackert und welche Stimmen oder Gruppen in der Öffentlichkeit Gewicht haben. Ich mache mich auf die Suche nach Kooperationen, Unterstützung und Feedback.

Schnell stelle ich fest, dass es neben dem SÜDKURIER noch weitere relevante Öffentlichkeiten gibt. Einige Gemeinderät*innen, der Oberbürgermeister selbst – und die Fraktionen sowieso – sind auf Twitter aktiv. Soziale und kulturelle Initiativen und Institutionen haben so gut wie immer einen Auftritt in sozialen Netzwerken. Das erleichtert Recherchen und Kontaktaufnahmen, gibt mitunter schon sehr plastische Eindrücke und macht nicht zuletzt auch Netzwerke sichtbar: wer folgt wem? Wer teilt was? Wie wird wer zitiert?

Der Gundelfinger Stadtrat ist jünger als das Konstanzer Pendant. Bis auf einen sind alle Bürgermeister*innen der Landkreisstädte jünger als der OB vom See. Trotzdem finde ich dort kaum Positionierungen und Austausch über Social Media. Natürlich gibt es Kultur und Soziales im Netz, aber auch hier sind die Interaktionen verhalten.

Wenn es schon nicht am Alter zu liegen scheint, könnte es dann am Publikum liegen? Ist die Badenerin weniger reserviert für öffentlichen Austausch? Gibt’s im Landkreis zu wenig ÖPNV, während dessen Benutzung man durch die Timeline wischen könnte? Oder hat der Schwabe einfach mehr zum „Schaffa“ als die Studierenden, deren Anteil fast 20% der Konstanzer Bevölkerung ausmacht?

Über welche Kanäle ich meine Ideen von Innovation und Kultur ausspielen sollte, um möglichst Viele, mindestens aber die Richtigen, zu erreichen, frage ich unsere 20 Jahre alte Grafikdesignerin aus Gundelfingen: „Wahrscheinlich liest’s Oma in der Donau-Zeitung und sagt’s mir dann.“

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Kolumne: "Coming Home"

Nochmal neu im Alten anfangen

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„Abnabeln“ ist ja meist ein recht einschneidendes und vor allem punktuelles Ereignis. So kann man meinen Fortgang aus dem Landkreis Dillingen sicher nicht beschreiben. Es war ein Abschied auf Raten nach meinem Zivildienst in der Lauinger Elisabethenstiftung 2007. In den ersten Semestern meines Studiums in München bildeten immer noch die Jugendliebe, der Handballverein und die Band mein Gravitationszentrum, das mich stets zuverlässig in den Landkreis Dillingen zog. Das sollte sich mit dem Ende des Studiums, das ich zeitgleich mit meiner Jugendliebe abschloss, ändern.

Wir zogen nach Konstanz und die Anziehungskraft ließ mit größer werdender Entfernung nach. (Ich grüße an dieser Stelle erst- und einmalig meine ehemaligen Physiklehrer am Sailer-Gymnasium, die mir dieses Sprachbild seinerzeit sicher nicht zugetraut hätten). Die Jugendliebe wurde meine Ehefrau und spätestens mit der Geburt unserer Kinder am Bodensee entwickelt sich ein ganz neuer Anziehungspunkt mit Gewicht. (Ja, Herr Möller, es müsste „Masse“ heißen, nicht Gewicht, aber das funktioniert sprachlich halt nicht).

Unser Leben in Südbaden hat nur noch wenig mit dem Alltag oder den Beziehungen in Nordschwaben zu tun, obwohl ich in Vollzeit für das Gundelfinger Familienunternehmen arbeite. Klar, die obligatorischen Hochzeiten, Weihnachten, runde Geburtstage, wenn nicht gerade Pandemie ist, ziehen uns zurück. Aber Konstanz gibt uns die Chance uns neu zu (er)finden. Und das tun wir. Wir schließen uns politischen, sozialen und ökologischen Initiativen und Vereinen an. Wir verfolgen unseren Traum vom eigenen Kulturzentrum und versuchen uns selbst als Künstler, als ein Krankenhaus vor dem Abriss noch einen letzten Auftritt bekommt. Ich gründe einen Kulturverein, organisiere einen Pop-up Space, mache Veranstaltungen zum Thema „Soziales Unternehmertum“.

Als der Traum vom eigenen Kulturzentrum schließlich doch platzt, ziehen wir gerade innerhalb der Stadt um und die Pandemie in Deutschland ein. Die neue Erdgeschosswohnung mit Garten hilft, die Herausforderungen der Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen zu bewältigen. Sie zeigt uns aber auch, wie sehr wir die Lebensform unserer Kindheiten in Kicklingen und Gundelfingen schätzen. Ein eigener Garten, nah an Wald und Flur. Für 80 € pro Monat mieten wir sogar eine Garage dazu.

Aus mehrerlei Gründen, die noch Gegenstand dieser Kolumne sein werden, beschließen wir Ende 2020, den Bodenseenebel gegen den Nebel der Donauauen zu tauschen. Dass wir nicht die Einzigen mit dieser Idee sind, sehen wir in der Presse und auf dem unentspannter werdenden Immobilienmarkt. Sei‘s drum, wir kommen! Handeln statt Hadern, lautet jetzt die Devise. Das Familienunternehmen bietet die Chance meine Vorstellungen von mehr sozialer Nachhaltigkeit und integrierter Kultur im Kleinen umzusetzen und das Lebenswerk des Vaters fortzuführen.

Diese Kolumne schreibe ich aus der Perspektive eines Wiederkehrers, der seine persönlichen Erinnerungen mit den Erfahrungen aus der Fremde kombinieren und die Besonderheiten des Landkreises neu entdecken will. „Annabeln“, kann das gelingen? Was erwartet uns „zuhause“? Und wie erwartet es uns? Sind die Sportvereine noch so attraktiv wie damals? Wovon werden wir Abschied nehmen müssen? Neben allen offenen Fragen steht eines aber jetzt schon fest: die Jugendliebe kommt mit.

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Kulturprojekte

Am Arsch der Heide

Am Montag um 10:01 Uhr lerne ich Veronika Fischer am Telefon kennen. Sie meint, wir könnten im Rahmen des Hackathons am darauffolgenden Samstag einige lokale Autor*innen präsentieren. Nicht mal 100 Stunden später ist unser 40-minütiges Video fertig. Eine Geschichte mit viel Tempo und Temperament.

Veronika ist in der Kulturszene dies- und jenseits der Grenze zur Schweiz gut vernetzt und hat schon am Montagnachmittag die Texte von acht lokalen Autor*innen beisammen.

Am Dienstag ist klar, dass Tomasz Robak lesen, aber keine Zeit für ein Live-Event haben wird. Wir brauchen also eine Aufzeichnung. Ein Filmteam haben wir nicht.

Am Mittwoch suchen wir, d.h. Veronika und ich, einen geeigneten Drehort aus. Ich habe nämlich Blut geleckt an der Aktion und will sehr gerne die Videoproduktion übernehmen (das mache ich zwar sehr selten, aber mit viel Leidenschaft). Der einzig freie Drehtermin ist Donnerstag zwischen 8:30 Uhr und 9:45 Uhr, um ca. 40 Minuten Video zu erstellen.

Am nächsten Tag drücke ich um kurz nach 9 auf die Auslöser. Um 10 Uhr bin ich pünktlich in meinem Geschäftsmeeting. Die folgenden beiden Nächte editiere und schneide ich. 

Samstag früh um 4 Uhr ist das Video gerendert und verfügbar. Die Premiere beim Hackathon am Abend glückt. 

Es war ein wunderbar spontanes, leidenschaftlich ernsthaftes, selig machendes Kunstprojekt. Gerne mehr davon!

Hier ist das Ergebnis:

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Bamberger Firmengruppe

Uri

Ich hätte nicht gedacht, dass ich je einen Post der BILD-Zeitung teilen würde… und auch wenn dieses kleine Portrait etwas zu viel Food und zu wenig Philosophie enthält, ist es mir doch ein Anliegen es zu teilen (weil es erahnen lässt, welche Persönlichkeit hier portraitiert wird).

Ich durfte Uri im Sommer 2016 kennenlernen, als er sich für BellaBambi® interessierte und uns in #Gundelfingen besuchte. Nach dem „Geschäftlichen“, das im Wesentlichen darin bestand, unsere Beziehung auf Sympathie zu prüfen, genossen wir ein gemeinsames Mittagessen. In diesen Stunden vermittelte Uri vieles, das mich bis heute begleitet und stützt.

Er erzählte von seinem Hotel und Restaurant, das er als Jude als wohlwollende Irritation und als gezielten Beitrag zur Verständigung in einem mehrheitlich arabisch geprägten Stadteil Akkos eröffnete. „Wenn du hinter einer Idee stehst, musst du bereit sein, mit dem Kopf durch die Wand zu gehen. Entweder die Wand gibt nach oder der Kopf.“ Das Interesse am Anderen, Fremden und die Unvoreingenommenheit gegenüber allem „Menschlichen“ zeigte sich auch in seiner Erzählung vom Lernen der deutschen Sprache, der Sprache der Täter, in der wir das Gespräch führten. Von einer Tante, die aus dem Konzentrationslager befreit worden war und anschließend nach Israel kam, hat er sie beinahe perfekt gelernt. So gut, dass er auf die Frage, wie er so gut Deutsch spreche, antwortete: „Mit dem Mund.“ Uri, dieser gemütlich wirkende Mann mit dem imposanten Bart, erzählte unverblümt, aber ohne Prahlerei, dass er in Israel beinahe so berühmt sei wie Franz Beckenbauer in Deutschland. Eines Tages hätte er aufgehört, sich zu rasiseren, um nicht mehr erkannt zu werden – da wurde der Bart zu seinem neuen Markenzeichen.

Unverstellt aufzutreten, demütig seine Position in der Welt zu suchen und gleichzeitig für seine Ideale einzutreten und einzustehen, haben Uri innerhalb von einer Pizza und einem Bier zu einem Vorbild werden lassen. Uris Unternehmen versucht, allen Herkünften, Glaubensrichtungen, Geschlechtern, Bildungsgraden, etc. eine Chance zu geben. Es ebnet Unterschiede nicht ein, sondern bewertet im ökonomischen Kontext nach den Maßstäben des Arbeitsplatzes und nicht nach den Eigenschaften der Person.

„Man kann mit Respekt ohne Liebe zusammenleben.“ Diese Haltung täte unserer Gesellschaft, die sich mit Fragen der Identität zu genüge befasst, wahrlich gut – und ist darüber hinaus eine demokratische Grundposition.

„Man kann aber nicht mit Liebe ohne Respekt zusammenleben.“ Ohne Respekt ist selbst die Liebe nichts. Das Andere, Fremde, Unverfügbare ist, im besten Sinne, heilig – und damit zu Resonanz fähig und zur Menschlichkeit verpflichtend.

Uris Geschäftspartner Alen Hazan verkauft mittlerweile BellaBambi in Israel und Zypern. Und ich gehe mit Projekt Agora im Kopf durch die Wand. Danke, Uri.

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Kulturprojekte

Liebesgrüße aus Konstanz

Zusammen mit dem Serviceclub Soroptimist International stellte der Konstanzer Spotlight Chor zwei Benefizkonzerte auf die Beine. Im Theater Konstanz gab man eine Revue aus allen James Bond Titelsongs zum Besten. Neben den Sängerinnen und Sängern waren auch das Salonorchester Da Capo, ein Show-Tanzpaar, Pole Fitness, eine Seilartistin und zwei Konstanzer Parkourläufer verantwortlich für: Liebesgrüße aus Konstanz.

Es war eine großartige Gemeinschaftsleistung aus Profis und Amateuren. Mit ganz viel Feuer, Hingabe und Leidenschaft. Ein Herzensprojekt von Konstanzern für Konstanzer.

Neben meiner Tätigkeit als Musical Director war ich auch für große Teile der Bewerbung und Vermarktung der beiden Benefizkonzerte zuständig.

Die komplette Agenturleistung für Beratung und Gestaltung sponsorten übrigens die phantastischen Red Monkeys aus Konstanz.

Am Ende konnte eine Spende des Soroptimist International Club Konstanz an die Brückenpflege e.V. in Höhe von 20.000 € realisiert werden.

Mehr Infos zur Brückenpflege und wie sie weiter unterstützt werden kann: www.glkn.de/glkn/standorte/klinikum-konstanz/nichtmedizinische-bereiche/brueckenpflege/brueckenpflege-start.php

Solistin Ony Heckmann und Solist Justin Hayo
Kostümwechsel die Dritte
Gesamtleiter Gary Peinke bedankt sich mit sehr persönlichen Worten bei allen Beteiligten

Mehr Informationen zu meiner Tätigkeit als Musikalischer Leiter.

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Reflexionen

Genuss: Über den Verlust einer Kulturtechnik

Wir saßen vor einiger Zeit im Restaurant unserer Freunde, um die Speisen für unsere Hochzeit und den Ablauf derselben zu besprechen. Nachdem die Arbeit getan und wir auch noch gut gegessen hatten, leerte sich das Lokal und wir kamen mit den Beiden ins Plaudern. Sie erzählten uns von Ihrer Arbeit und Ihren Söhnen, die für das Funktionieren Ihres Gasthofes wesentlich sind und alle Entbehrungen der Selbstständigkeit von Kleinauf kennengelernt haben. Ein Sohn sagte Ihnen:

„Ihr habt Glück, eure Generation muss ihre Körper bei der Arbeit nicht mehr ruinieren.“ Recht hat er, schließlich arbeiten nur noch wenige im Bergwerk und auch wenn „Sitzen das neue Rauchen“ ist, darf man dieser Diagnose wohl zustimmen. Der Sohn fuhr fort: „Aber ihr habt das Pech, dass „ihr“ häufiger psychisch krank werdet. Ihr verschleißt also einen anderen Teil eures Körpers. Damit müsst ihr leben und das gehört zu „eurer“ Zeit.“

Miri und ich empfanden das als erstaunlich ehrliche, nüchterne und für die Eltern vielleicht auch ein bisschen schockierende Analyse, die aber unmittelbar die Frage aufwarf, wie es weitergeht, denn man darf annehmen, dass die technologische Entwicklung und Dynamik des Arbeitsmarktes nicht enden werden. Was werden wir also auf dem Opfertisch des Fortschritts darbringen?

Vermutlich wird es sich dabei um den Genuss handeln. Bereitwillig verknappen wir unsere (verrückterweise auch noch länger werdende) Lebenszeit, indem wir immer mehr erledigen und immer produktiver und effizienter sein wollen, damit -, ja, warum eigentlich? Äußere Anreizsysteme sind schon lange nicht mehr das Mittel der Wahl, um Erfolgsdruck zu erzeugen seit sich alle „Jobs mit Sinn“ suchen und ihre Arbeit gern machen. Der innere Erfolgsdruck, den Schulen bereits erfolgreich vorbereiten und der von den Bachelor- und Masterstudiengängen ausgebaut wird, macht das Leben Vieler zur To-Do-Liste anstatt zum Raum möglicher aber ungewisser Erfahrungen.

Wir befinden uns in einer Gegenwart des Planens und der individuellen Scheinfreiheit, die an Zeiten des Sozialismus erinnert, wie Prof. Nassehi pointiert im Interview antwortet, als an der Ludwig-Maximilians-Universität in München gerade der Audimax besetzt war. 1 Alle wollen Abitur, ein wirtschaftliches Studium bzw. IMM („Irgendwas mit Medien“), müssen dann ins Ausland und unbedingt erst ein paar Jahre arbeiten, bevor man an Kinder denken kann. Diese weitreichende Uniformität hätte vermutlich Erich Honecker vor Neid noch weiter erblassen lassen.

Wir machen kaum noch zufällige Begegnungen, weil wir alles vorher per Smartphone abstimmen, jede Verspätung ankündigen – und wenn wir doch einmal offen wären für unerwartete Kontakte starren wir nach unten auf unsere Displays. Wir fragen keinen Fremden nach dem Weg oder dem besten Restaurant, denn das haben wir ja schon über Google und Tripadvisor herausgefunden. So praktisch der kleine Computer in der Tasche sein kann, an dieser Stelle vertreibt er den Flaneur in uns zugunsten des Touristen. Und das ist ein bedauerlicher Verlust potentiell genussvoller Momente.

Wir essen Gerichte, die wir nach Listen und Rezepten kochen – wenn wir überhaupt kochen -, deren Komponenten man sich sogar in passenden Mengen nach Hause liefern lassen kann. Oder andersherum: das Internet schlägt uns passende Rezepte für den Inhalt von Kühlschrank und Speisekammer vor. Den Anweisungen folgen, wiegen, mischen, kneten, schneiden, abhaken. Abschließend auf das Ergebnis stolz sein, weil man ja „selbst“ gekocht hat. Wenn ein Gast beim Essen fragt, warum denn da Sellerie drin sei und man selbst keine Ahnung hat, dass die Brühe, die man gemäß Rezept eingerührt hat, welchen enthält, merkt man vielleicht, dass hier der Bezug zu unserer Nahrung gestört ist – auch wenn wir selber kochen (bei Fertiggerichten sollte das ja unmittelbar einsichtig sein).

Gleichzeitig, apropos Sellerie, wollen immer mehr Komponenten der Lebens- und Nahrungsmittel bekannt sein, denn man könnte ja darauf allergisch sein. Das ist aber ein rationaler Zugang zum Essen, wenn ich weiß, dass Senf ein Allergen ist und Laktose in mehr als sechs Monate altem Käse nicht mehr vorhanden ist. Der emotionale Zugang von der Zutat über die Zubereitung bis zum „Zu-Tisch“ geht verloren, wo wir doch eigentlich so viel Zeit dafür hätten (weil wir ja immer effizienter werden).

Zeit für ein paar Gegenmaßnahmen:

  • Gemeinsam kochen und essen mit regionalen und saisonalen Lebensmitteln, z.B. als Teil der Kinderbetreung, des Seniorengartens und des Co-Workings
  • Konzerte und andere Darbietungen erleben und selbst gestalten
  • Begegnung ermöglichen und wertschätzen, auch die alltägliche und gleichzeitig ungeplante, z.B. beim Einkaufen.
  • Wenn man glaubt, die Fähigkeit des Genießens verloren zu haben, kann man sich auch ein Genusstraining im Rahmen der Agora Akademie vorstellen.

Wir wollen aufbauen statt abhaken und Vielfalt statt Einfalt. Ihr auch?