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Kolumne: "Coming Home"

Exil-Gundelfinger

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Mehr als meterhoch türmt sich der Schnee vergangenen Winter vor diesem Haus im Schwarzwald, in dem ich das Wochenende verbringen will. Es ist ein Besuch bei einem Freund aus Heimattagen, der seit kurzem im Kreis Breisgau-Hochschwarzwald lebt. Während wir im Keller zusammen musizieren, fällt mein Blick auf ein Plakat an der Wand: „25 Jahre Schnellefest“ – Juli 1996. Ich stutze. Ich staune. Da klimpern wir also im Jahre 2021 ein paar Herb Alpert Songs zwischen noch nicht ausgepackten Umzugskartons, inmitten eines Werkzeugwusts und neben einer Sauna in Einzelteilen und dieses 25 Jahre alte Plakat hängt bereits an der Wand. Ich frage mich: Was muss dieses Stück Papier für jemanden bedeuten, der zum Zeitpunkt der Veranstaltung gerade einmal elf Jahre alt war?

Mit dieser Verwunderung und Neugier gehe ich weiter durch seinen und meinen Haushalt und entdecke allerorten Spuren und Zeugnisse der Heimat: die Kaffeetasse der Lebenshilfe hier, das Bucher-Weizenglas dort, den Stoffbeutel vom Griener, T-Shirts der Sportvereine. Und auch die Autos tragen noch das bekannte dreistellige Kennzeichen. Ist das Nostalgie? Oder gar Heimatstolz?

Sicher darf man Spar- und Sorgsamkeit mit den Dingen unterstellen, die unseren Alltag begleiten – schwäbische Tugenden eben. Allerdings erklärt das nicht die Rolle dieses Schnellefest-Plakates, das mich so in seinen Bann gezogen hat. Diese Heimaterinnerungen müssen auch Anker in der Fremde sein, können im Rückblick Sicherheit und Stabilität vermitteln und mitunter auch emotionale Erinnerungen wachrufen.

In diesen Tagen hätten wir normalerweise das 50. Schnellefest feiern können. Da wären Gespräche mit den Musikerinnen und Musikern, von denen ja auch nicht wenige für das Engagement im Verein zurückpendeln, über ihre Verbindungen und Haltepunkte möglich gewesen. Leider war das pandemie-bedingt nicht möglich.

Also muss ich diese Gedanken vorerst mit meinem Freund im Schwarzwald teilen, mit dem ich mir in diesem Winter die dicken Jacken der Firma Gartner überstreifte, um uns einen Weg durch die weiße Pracht zum Kompost zu graben.

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