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Kolumne: "Coming Home"

Ein andrer Ort

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Ob ich angekommen bin, werde ich regelmäßig gefragt, seit ich vor fast zwei Monaten wieder nach Gundelfingen gezogen bin. So richtig weiß ich darauf noch keine Antwort. Angekommen sein, wie bemerkt man das? Bestimme ich das oder andere?

Ich erlebe, dass man mich noch (er)kennt. Bei einer sonntäglichen Radtour singt mir der ehemalige Hausmeister entgegen, der mich schon als Baby durch die Sporthalle schob, während meine Eltern Handball spielten: „Nach meiner Heimat zieht’s mich wieder“ – lacht verschmitzt, grüßt vertraut. Ich recherchiere den weiteren Text dieses Liedes: „Es ist die alte Heimat noch: Dieselbe Lust, dieselben frohen Lieder“ Haha, ja, das passt. Zum Schorre und zu meinem aktuellen Erleben. Vor allem aber stimmt der darauffolgende Satz: „Und alles ist ein andrer Ort.“

Ganz besonders merke ich das, wenn ich auf die weithin sichtbaren Türme des Atomkraftwerks Gundremmingen blicke, die bei solchen Radtouren nicht selten als Orientierungshilfe dienen. Natürlich ist das noch der gleiche Ort, der gleiche Anblick, aber ich habe mich früher nie gefragt, wie es wohl ohne die Türme wäre. Von dem damit verbundenen Risiko ganz zu schweigen. Im Gegenteil – im Schulunterricht klebten wir „Atomkraft, ja bitte!“-Aufkleber. Aus jugendlicher Provokation gegenüber der Lehrkraft, die ein Pellet-Pionier war, klar. Aber ich verstehe das heute auch als Symptom einer kollektiven Verdrängung. Diesseits der Donau hatte man es mit Gefahr, statt Gewerbesteuern zu tun und musste andere Wege finden, sich mit dem Betonkoloss zu arrangieren.

Natürlich weiß ich von der Atombegeisterung und Technikgläubigkeit der Nachkriegszeit. Jonas‘ „Prinzip Verantwortung“ und Becks „Risikogesellschaft“ waren noch lange nicht geschrieben. Und der Bau wurde bereits 1962 genehmigt, also vor dem Aufkeimen von so etwas wie Protestkultur in der Bundesrepublik.

Aber was dachte die Aislingerin, was hoffte der Lauinger und wovor graute den Gundelfingern damals? Oder passierte das einfach so? Und jetzt – holen wir uns das schon zurück, den Ort, den Anblick, den Profit – und stellen riesige Tulpen oben rein, oder?

Vielleicht ist es ganz normal, dass man nicht weiß, ob man schon angekommen ist, wenn im Alten noch so viele neue Fragen sind.

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